Freitag, 30. Mai 2025

Wenn Co-Regulation nicht mehr "nett" ist, sondern notwendig

Warum Erwachsene, die fein spüren und Kinder sehen, oft müder sind als andere – und weshalb wir dringend über kollektive Erschöpfung sprechen müssen


Ich werde als Mutter oft mit Vorwürfen konfrontiert. Mal ausgesprochen, mal subtil. Worte, Blicke, Gedanken, die mir sagen sollen, was "richtig" wäre. Was man über meinen Umgang mit meinen Kindern denken könnte. Dabei sind diese Bewertungen und die Menschen, die sie äußern selten so offen, dass es ihnen um Mitgefühl und Verständnis geht. Um dazulernen, oder Perspektiven wechseln. Und manchmal kommen diese Vorwürfe verpackt als Verständnis. Als Versuch, mich zu "verstehen". Als Einladung zum Rechtfertigen, um dann doch persönlich angegriffen zu sein oder weitere Bewertungen zu adressieren.

Und ich bin müde. Müde davon, mich erklären zu müssen (oder zu gleuben, ich müsste das - das ist meine Baustelle!). Müde davon, dass Individualität in Familien oft als Egoismus und fehlender Respekt missverstanden wird. Dass Selbstschutz mit Schwäche gleichgesetzt wird. Dass das feine Spüren von Grenzen von Kindern als "zu empfindlich" oder "nicht belastbar" abgetan wird. Und meine Unterstützung als Gluckenverhalten und verweichlichend betrachtet wird.

Ich bin müde davon, dass das So-Sein meiner Kinder (und so unfassbar vieler anderer) als Problem gelesen wird. Dass selbst Fachpersonen mir erklären, ich dürfe nicht immer co-regulieren, als wäre das ein Luxus oder eine Übergriffigkeit.

Aber was ist mit der Tatsache, dass mein Kind in einer Welt lebt, die es ständig überfordert, in der es sich nicht sicher genug fühlt, nicht gemeint ist, nicht willkommen scheint? Was ist, wenn ich die Einzige bin, die ihm erlaubt, einfach zu sein?

Co-Regulation ist keine Methode. Sie ist keine Option. Sie ist eine Antwort auf eine Welt, die oft kein Zuhause für uns Kinder ist.

Ich sehe die Schutzstrategien meiner Kinder. Die feinen und die heftigen. Ich sehe die Fluchtimpulse. Die Traurigkeit hinter der Wut. Die Erschöpfung hinter dem Schweigen.

Und ich frage mich: Warum spricht niemand über die kollektive Erschöpfung?

Über die stille Dauerüberforderung von Erwachsenen, die fühlen, statt nur zu funktionieren. Die Beziehung zu sich und ihren Kindern in den Fokus nehmen. Die mittragen, was das System abwälzt. Die verstehen, wo andere urteilen. Die halten, wo andere distanzieren.

Es ist an der Zeit, dass wir diese Müdigkeit nicht mehr nur als individuelles Scheitern betrachten. Sondern als systemische Folge.

Wir brauchen keine besseren Erwachsenen. Wir brauchen sicherere Räume. Für Kinder. Und für die, die sie begleiten.

Denn Co-Regulation ist kein Extra. Sie ist das Fundament.

Und ja: Sie macht allzuoft "müdemüde". Wenn man sie alleine tragen muss.

Lasst uns anfangen, darüber zu sprechen. Leise. Deutlich. Wahr.

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