"Ich schaffe alles irgendwie – aber ich fühle mich innerlich leer."
Vielleicht kennst du diesen Gedanken. Du funktionierst im Alltag, meisterst Beruf, Familie, Termine – aber innerlich bist du erschöpft, leer, wie abgeschnitten. Als wärst du gar nicht wirklich da. Und das vielleicht schon seit Monaten oder Jahren.
Was du erlebst, ist kein individuelles Versagen. Es ist ein Zeichen deines Nervensystems: Du bist im funktionalen Freeze.
Der funktionale Freeze ist ein Zustand, in dem dein Nervensystem auf Überleben stellt. Freeze als spontane Überlebensstrategie deines Nervensystems ist diese klassische Schockstarre. Kommt dein Nervensystem aus dem Freeze über längere Zeit nicht mehr raus (z.B. weil du durch andauernde Erfahrungen langsam in diesen Zustand hinein manövrierst; siehe das Beispiel unten), dann wird dieser Zustand zu deinem Nervensystems-Zuhause. Dann ist es nicht mehr die dramatische Schockstarre, sondern ein "gut funktionierendes Weitermachen" – bei gleichzeitiger innerer Abkopplung. Du bist im Tun, aber da ist kein Gefühl mehr. Du machst, was nötig ist (oder was du glaubst, was nötig ist), aber dein Inneres zieht sich zurück.
Warum? Weil dein Nervensystem gelernt hat: Ich kann hier eh nichts ausrichten. Das zu fühlen ist zu viel. Also lieber abschalten.
Neurophysiologisch betrachtet ist in diesem Zustand dein dorsaler Vagus (blauer Pfad) aktiv: Er sorgt für Rückzug, Schutz, energetische Einsparung. Gleichzeitig bleibt ein Teil des Sympathikus (roter Pfad) aktiv – genug, um zu funktionieren. Aber nicht genug, um dich lebendig zu fühlen.
Das erklärt, warum du einerseits durchhältst und lächelst – und andererseits so oft leer, gereizt oder wie ferngesteuert bist.
Ein wichtiger Unterschied zum Fawn-Modus:
Fawn ist ein sozialer Anpassungsmodus, ebenfalls ein Schutzmechanismus. Hier bist du im Sympathikus (roter Pfad) plus ventralem Anteil (grüner Pfad in Unsicherheit) aktiv: Du passt dich an, bist freundlich, hilfsbereit – aus Angst, die Verbindung zu verlieren. Der funktionale Freeze hingegen ist kein Versuch zur Bindungssicherung, sondern ein innerer Überlebensmodus, der dich abschaltet, um dich zu schützen.
Oft kippt das Nervensystem nach längerem Fawn, wenn keine Resonanz kommt, in den Freeze. Weil der Versuch zu verbinden zu viel kostet. Und weil Wut als Ausstieg nicht sicher erscheint.
Zwei alltagsnahe Beispiele können das deutlich machen:
👉 Eine Frau ist seit Jahren in einer Beziehung. Früher hat sie versucht, durch Anpassung Konflikte zu vermeiden – sie war ständig bemüht, Harmonie zu sichern, sich nicht zu viel Raum zu nehmen. Sie war im Fawn-Modus. Doch es kam keine echte Resonanz. Ihre Bedürfnisse blieben unerfüllt. Heute ist sie noch in der Beziehung – aber innerlich längst ausgestiegen. Die Liebe ist weg. Sie funktioniert nur noch. Der Übergang vom Fawn in den funktionalen Freeze war fließend.
👉 Ähnlich im Arbeitskontext: Eine Erzieherin oder Lehrerin bemüht sich, es allen recht zu machen – Kolleg:innen, Eltern, Kindern. Sie sagt kaum Nein, übernimmt zusätzliche Aufgaben, bleibt freundlich, auch wenn sie innerlich überfordert ist. Das ist Fawn. Sie hat tief in sich die Befürchtung, dass sie anecken könnte. Doch mit der Zeit erschöpft sie sich dabei so sehr, dass sie irgendwann nur noch abarbeitet, krank wird. Sie fühlt sich abgeschnitten, müde, funktioniert einfach weiter – das ist funktionaler Freeze.
In beiden Fällen zeigt sich: Das Nervensystem hat seine Strategie angepasst. Was als Versuch zur Beziehungssicherung begann, endet im inneren Rückzug, wenn zu lange keine Resonanz, keine echte Verbindung spürbar ist.
"Heilt das wieder? Oder bleibe ich so?"
Du kannst dich wieder spüren. Du kannst lernen, dein Nervensystem sanft aus dem Freeze zu begleiten. Nicht über Leistung oder Disziplin – sondern über das Verstehen, das Anerkennen und kleine, regulierende Impulse.
Der erste Schritt ist: deinem Zustand einen Namen geben. Du bist nicht allein. Du bist nicht "komisch". Du bist in einem Schutzmodus.
In meinem 1:1 Coaching Inner Shift begleite ich Frauen, die viel leisten – aber sich selbst dabei verlieren. Die wieder fühlen wollen, wer sie sind, und wie sich Leben statt Funktionieren anfühlt.
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Kleiner Impuls für deinen Alltag:
Nimm dir einen Moment und frage dich: "Wie fühlt sich mein Inneres gerade an?"
Wenn da nichts ist: Auch das ist eine wertvolle Antwort. Es muss nicht sofort fühlbar sein. Es darf sich langsam wieder öffnen.
Von hier aus ist sie überhaupt erst in der Lage, ihr Denken zu erfassen, nach Lösungswegen zu suchen. Und es wird leichter ihrem Nervensystem immer wieder Impulse der Regulation zu geben, die nachhaltig bleiben können, weil sie auch für sich selbst wieder beziehungsfähiger werden kann. Langsam. In kleinen Schritten, damit das Nervensystem auch wirklich mitkommen kann. Im Bremsen ist es schnell. Die Bremse wieder zu lösen braucht hingegen Zeit und Beziehungssicherheit.
Du bist nicht falsch. Du hast gelernt zu überleben. Und jetzt darfst du lernen zu leben.
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